Dr. Regina Heilmann

In welcher Phase Ihres Lebens waren Sie aus welchem Grund im forum?
Zunächst war ich dort, wenn Freund*innen von mir mit ihren Bands aufgetreten sind, ab meinem 15. Lebensjahr. Auf Konzerte professioneller Bands durfte ich noch nicht wirklich und meine Eltern haben mich noch abgeholt. Trotzdem hat sich das anschließende Herumstehen im Hof mit einem Getränk in der Hand cool angefühlt und das Taschengeld hat ausgereicht. Später kam dann die sog. Fahrrad-Initiative dazu: Jugendliche, die sich für die ersten Radwege in der Innenstadt stark gemacht haben (damals erfolglos). Wir haben uns im Café des forums getroffen oder im Café Filsbach in der Östlichen Unterstadt oder in den Räumen des BUND in der Käfertalerstraße. So richtig „heimatliche Gefühle“ für das forum habe ich aufgrund des 2. Golfkriegs 1991 entwickelt: In der Mannheimer Schülerschaft war das Entsetzen groß; viele einzelne Gruppen haben sich mit Friedensdemonstrationen und anderen Ausdrucksmitteln beschäftigt und sich zusammengetan – dies eben in der Regel im forum. Vom Gefühl her war man täglich dort, junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren, zum Debattieren, Planen, Aktionen organisieren. Von kirchlichen Pazifismus-Bewegungen bis hin zur Antifa. Die Küche im Café hat täglich Essen angeboten und das Foyer des forum hatte daher immer einen speziellen Geruch, vor allem nach Spaghetti Bolognese und Bastelmaterial. Diese Zeit – so schlimm und bedrückend sie für uns war – bekam durch die Möglichkeit, im forum bei einander zu sein, etwas Tröstliches und es entstanden neue Freundschaften.

Was hat die Zeit im forum mit Ihrem persönlichen Werdegang zu tun?
Ich habe mich kommunalpolitisch und umweltpolitisch seit eben dieser Zeit, so ab 1988, mehr und mehr engagiert. Als Schülerin hatte ich sehr viel mehr Freizeit als die Jugendlichen heute, zumal ich keinen Sport intensiv betrieben habe, nur ein Instrument spielte. Beruflich wollte ich zwar etwas Anderes, aber privat haben mich das Interesse für meine Stadt und mein gesellschaftliches Einbringen (auch noch durch andere ehrenamtliche Tätigkeiten) quasi mit sozialisiert. An diesen Interessen und Tätigkeiten hat sich auch nichts mehr geändert, bis hin zur späteren Elternarbeit.

Nennen Sie ein Schlüsselerlebnis aus Ihrer Zeit im forum?
DAS Schlüsselereignis gibt es nicht, aber war mich damals als zunächst erst 15-, 16jährige schwer beeindruckt und geprägt hat, war die dort herrschende Atmosphäre. Das forum hat – ohne, dass dies je laut ausgesprochen wurde – ausgestrahlt, das jede*r willkommen ist. Dass man sich trauen konnte, mit über 20jährigen zu diskutieren und, dass auch die den deutlich Jüngeren gegenüber auf Augenhöhe begegnet sind. Dass hierfür umsichtige, klare und aufwändige sozialpädagogische Arbeit der dort hauptamtlich Tätigen dahintergesteckt haben muss – das war mir nicht bewusst.

 

Welches Themenfeld aus der Arbeit des forum ist Ihnen wichtig?
Auf jeden Fall für mich immer noch vor allem Jugendbildungsarbeit. Was z.B. Theater und Musik betrifft, kenn ich mich zu wenig aus und habe zu wenig eigene Erfahrung. Nachdem mein Sohn im Frühjahr 2016 anfing, im forum an Veranstaltungen teilzunehmen und diese zunehmend auch mitzugestalten, ist mir wieder bewusst geworden, wie wichtig es für Jugendliche ist, einen Schutzraum zu haben. Ein Raum, der ihnen zwar Infrastruktur und Anleitung gibt, sich zu entwickeln, der sie aber auch experimentieren und scheitern lässt. In Veranstaltungen im Kontext eines Jugendkulturzentrums anwesende Erwachsene können, so mein Eindruck, Jugendliche eher hemmen. Es ist einfach nicht dasselbe, wenn ein jugendlicher Mensch Veranstaltungen besucht oder sich an Projekten beteiligt, die von deutlich Älteren dominiert werden. Auch wenn die sich wohl fühlen und vielleicht auch noch als jung einschätzen, werden sie von den „wirklichen“ Jugendlichen nicht als solche wahrgenommen. Vielleicht ist das zurzeit auch mein persönliches Anliegen, weil ich Kinder im Teenageralter habe, die mir das auch so zurückspiegeln. Es ist ja neben der Musik, Theater und (Trans-)Kultur – vor allem Bildungsarbeit im weitesten und freiesten Sinn, die im Forum gemacht wird, und dass es diesen (Schutz-)Raum gibt, ist nach wie vor grandios.

Was ist für Sie typisch forum?
Die Offenheit all den großen und kleinen Gruppen gegenüber, die sich dort treffen können, das Graswurzelige, das Zugewandte. Die gute Mischung aus qualitativ hochwertigen und sehr unterschiedlichen Formaten, die den Zeitgeist aufgreifen, sowie kritisch reflektieren, die entweder durch das feste Team angeboten werden sowie auch seitens all deren, die das forum für ihre Zwecke und Bedürfnisse nutzen können.

Was wünschen Sie dem forum für die nächsten 40 Jahre?
Mehr Mitarbeiter*innen, mehr Budget und weiterhin so einen partizipativen Ansatz.

Hätte sich ihr Leben zum Besseren / Schlechteren gewandelt, wenn Sie nicht im forum aktiv gewesen wären?
Das ist schwer zu sagen. Ich war nicht nur im forum aktiv. Auch beim BDKJ, dem BUND und kurz bei Pro Asyl. Nach dem Abitur ging ich für 13 Jahre weg aus Mannheim. Aber ich bin „klassisch“ linksalternativ sozialisiert und habe auch mit Mitte 40 überhaupt kein Problem, zum Erhalt des JUZ vor dem Ratssaal zu stehen oder auf der Straße zu demonstrieren, wenn ich es für angemessen halte. Auch im forum habe ich es gelernt, mich stets zu positionieren. Eher freut es mich sehr, meine Kinder heute im forum zu wissen. Mein Sohn macht diese Schuljahr Abitur und ich würde mal behaupten, er ist 2018 ganz ähnlich drauf wie ich 1988, auch wenn sich natürlich Themen und Szenen wandeln, was ja ganz normal ist.

Welche Bedeutung hat das forum Ihrer Meinung nach für die kulturelle Bildungslandschaft in Mannheim?
Meiner Meinung nach eine große, von der ich jedoch befürchte, dass sie seitens der Stadt eher unterschätzt wird. Ich kenne kaum jemand, der jemals dort war und sich nicht wohl, verstanden und willkommen gefühlt hat und nicht wiedergekehrt ist.

Warum ist das forum in der kulturellen Bildungslandschaft in Mannheim unverzichtbar?
Seitens der Stadt sollte das forum, gerade auch, weil es von jeher eine Sonderrolle unter den städtischen Jugendeinrichtungen eingenommen hat, weitaus mehr gestärkt werden. Gerade heute, wo Tendenzen wie die Erstarkung der rechten Szene und die Stimmung in der Gesellschaft an Verbitterung zunehmen, die soziale Frage noch immer nicht gelöst ist, wir noch weit weg sind von Gleichstellung in jedweder Form und vieles mehr, ist diese Art von Bildungsarbeit für junge Menschen ein wichtiger Schlüssel für ihr späteres Leben und Handeln in der Welt.

In welcher Weise hat das forum in den letzten 40 Jahren diese Stadt beeinflusst?
Oh, ich glaube, auf der einen Seite gibt es sicher viele, die heute bei der Stadt oder in der Stadt recht relevante Jobs ausüben (und mit relevant meine ich nicht unbedingt ein hohes Gehalt) und somit der urbanen Stadtgesellschaft auch viel zurückgeben. Das forum war schon oft (heimliches) Zentrum für gesellschaftliche Debatten, die dort allen offenstanden und nie groß aufgehängt wurden, aber zum Sensibilisieren beigetragen haben für das, was unsere Stadtgemeinschaft wirklich braucht. Und gleichzeitig ist es doch auch seit 40 Jahren ein Ort, an dem mittlerweile zig Tausende (junger) Menschen einfach sehr viel Spaß gehabt haben!

Welche Veranstaltung würden Sie heute gerne im forum besuchen?
Wie vor 30 Jahren schon persönlich immer noch die politischen und umweltpolitischen. Nur leider arbeite ich selbst sehr viel abends. Außerdem empfinde ich mich, wie gesagt, mit Mitte 40 nur noch selten als Zielgruppe - und finde das auch absolut okay so.

Was war die letzte forum Veranstaltung, die Sie besucht haben?
Das war ein Podiumsgespräch im Mai zum Thema Jugendkulturbewegungen/-protest der letzten 40 Jahre.

Wie beschreiben Sie jemand Neuem, wo der Haupteingang vom forum ist? Hm, das ist schwer. Vielleicht: Auf der Höhe des Collinistegs, also nicht auf dem Straßenniveau und auch nicht zur Straßenseite hin, sondern zur Neckarpromenade. Vor dem Eingang sieht es – wenn man 1970er Bauphilosopie „lesen“ kann – tatsächlich ein wenig nach einem forum aus. Sonst: Am Eingang große Glastüren mit Plakaten dran, grüne Türgriffe (stimmt das noch?).

Was ist Ihrer Meinung nach der schönste Raum im forum und warum? Eigentlich finde ich gar keinen Raum schön, emotional wiederum natürlich schon. Das Café. Ein bisschen riecht es dort auch heute noch wie vor 30 Jahren, auch wenn es das Bistro (wie sich das, glaub ich, nannte) nicht mehr gibt.

Wenn Sie die Wahl hätten: wie sähe ihr Wunsch-forum aus (Ort, Ausstattung, Themen)?
Ort ist gut so, ist ja Geschichte und warum sollte der woanders sein? Umzüge von Kultureinrichtungen bergen auch bei eventueller Verbesserung immer ein gewisses Risiko. Mehr Ausstattung für das, was aus Sicht des festen Teams benötigt wird und, was an sinnvollen Wünschen seitens der vielen Nutzer*innen an das Team herangetragen wird. Die Themenvielfalt finde ich so wie sie ist super. Sie muss ja mit der Zeit gehen und sich wandeln. Das wird sich schon alles immer wieder finden.

Sagen Sie immer noch „Forum der Jugend“?
Klar. Aber seit meine Kinder dort hingehen, immer seltener. Ich habe mich sogar dabei ertappt, Freund*innen zu korrigieren, die auch viel im Forum waren und das teilweise auch aus Sturheit einfach nicht ablegen wollen...